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Werte, Wandel und Weitergabe – Familienunternehmen im Fokus

Werte, Wandel und Weitergabe – Familienunternehmen im Fokus

Die Unternehmensnachfolge gehört zu den sensibelsten und zugleich strategisch wichtigsten Phasen im Lebenszyklus eines Familienunternehmens. Wie gelingt dieser Übergang nicht nur strukturell, sondern auch im Sinne einer wertebasierten Unternehmensführung?
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Anlässlich des neuen Forums „Wert(e)basierte Unternehmensführung im Mittelstand – Familienunternehmen zwischen Kontinuität und Transformation“, das am 10. September 2025 in Gießen Premiere feiert, hat uns Prof. Dr. Stephan Frage und Antwort gestanden.

Als Mitinitiator des Formats und Mitglied der Forschungsstelle Mittelständische Wirtschaft (FMW) an der Philipps-Universität Marburg gibt er spannende Einblicke in die Bedeutung von Werten, die Rolle der Forschung – und warum es gerade jetzt ein solches Forum braucht.

Ich sehe die wertebasierte Unternehmenskultur als eine zentrale Stärke und Zukunftskompetenz von Familienunternehmen.

Herr Prof. Dr. Stephan, was war der Impuls zur Gründung des neuen Forums „Wert(e)basierte Unternehmensführung im Mittelstand – Familienunternehmen zwischen Kontinuität und Transformation“? Wie unterscheidet sich dieses neue Forum vom etablierten Format „Mittelhessische Unternehmertage“?

Die Unternehmertage als Ganztagesformat finden auch weiterhin alle zwei Jahre in Marburg statt, doch wir wollten das Programm bedarfsgerechter und mit mehr thematischer Varianz anbieten. Mit dem neuen Format wird das Angebot inhaltlich kompakter und auch fokussierter auf Familienunternehmen und kleine, mittelständische Unternehmen (KMUs) aus der Region geleitet.

Im September beginnen wir in Gießen, doch zukünftig planen wir auch, damit an andere Orte in Mittelhessen, z.B. nach Wetzlar oder Friedberg zu gehen.

In diesem Jahr wird das Thema „Nachfolge“ vertieft und auch wissenschaftlich ergänzt.

Warum liegt der diesjährige Fokus auf Unternehmernachfolge und Übergabeprozessen?

Der diesjährige Fokus auf Unternehmernachfolge und Übergabeprozesse wurde gewählt, weil das Thema bereits in der Vergangenheit auf große Resonanz stieß und heute noch aktueller ist. In Deutschland stehen viele tausend Unternehmen zur Übergabe an – besonders im Mittelstand und über alle Branchen hinweg. Die Wahl des Themas basiert auf konkreter Nachfrage seitens der Unternehmer sowie auf der Relevanz für die beteiligten Organisationen. Es ist ein hochaktuelles und emotionales Thema mit psychologischen Komponenten, das eine große Bedeutung für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen hat.

Die Werteorientierung des ehrbaren Kaufmanns, der ehrbaren Kauffrau ist eine Stärke, die manchmal in Vergessenheit gerät. Ich glaube, das ist etwas, was den Mittelstand insbesondere in Deutschland auszeichnet.

„Wertebasierte Unternehmensführung“ - warum sind Werte für Familienunternehmen heute wichtiger denn je? Lassen sich traditionelle Werte mit moderner Unternehmensführung und Transformation vereinbaren?

Weil sie eine zentrale Stärke und Kernkompetenz von Familienunternehmen darstellen – insbesondere im deutschen Mittelstand. Die wertebasierte, familiengeprägte Unternehmenskultur schafft Identität, stärkt die Mitarbeiterbindung und fördert eine innovationsorientierte Ausrichtung. Traditionelle Werte wie die des „ehrbaren Kaufmanns“ sind keineswegs veraltet, sondern bilden eine stabile Grundlage für nachhaltiges, zukunftsorientiertes Wirtschaften. Dabei stehen Werte und moderne Unternehmensführung nicht im Widerspruch – im Gegenteil: Wer langfristig denkt, integriert bewusst Transformation und Innovation in seine Unternehmensstrategie.

Familienunternehmen im Wandel. Ein teils emotional behaftetes Thema. Doch was sind außerdem die größten Herausforderungen, denen sich Familienunternehmen derzeit stellen müssen – speziell im Kontext von Nachfolge und Übergabe?

Eine der größten Herausforderungen für Familienunternehmen ist die Umsetzung radikaler Transformationsprozesse – insbesondere in Bereichen wie Digitalisierung und Innovation. Zwar stimmen häufig Mindset und Werteorientierung, jedoch fehlen oft die notwendigen Ressourcen, um diese tiefgreifenden Veränderungen allein zu bewältigen. Es sind weniger mentale Hürden als vielmehr begrenzte finanzielle und personelle Kapazitäten, die den Wandel erschweren – insbesondere im mittelständischen Bereich.

Wie können Hochschulen, wie die Philipps-Universität Marburg, Familienunternehmen in diesen Übergangsprozessen konkret unterstützen?

Die Philipps-Universität Marburg unterstützt Familienunternehmen durch konkrete, praxisnahe Formate – über die mittelständischen Unternehmertage hinaus. Ein Beispiel ist ein EU-gefördertes Projekt unter Leitung der Universität, das Unternehmen methodisches Know-how vermittelt, um disruptive Innovationen zu entwickeln und in tragfähige Geschäftsmodelle zu überführen. Diese Angebote, teils in Kooperation mit dem MAFEX (*dem Gründungsservice der Uni Marburg), erfolgen pro bono und sind gezielt darauf ausgerichtet, Transformationsprozesse aktiv zu begleiten.

Gibt es Beispiele aus der Praxis, die Sie besonders beeindruckt oder inspiriert haben?

Besonders beeindruckend sind Praxisbeispiele aus den Unternehmertagen zum Thema Nachfolge, bei denen der offene Austausch in geschütztem Rahmen vielen Unternehmen neue Perspektiven eröffnet hat. Die Nachfolge ist oft ein sehr persönliches, familieninternes Thema – durch kollegiales Benchmarking, gegenseitige Beratung und wissenschaftlich fundierte Reflexion entstehen jedoch wertvolle Impulse. Der interdisziplinäre Ansatz – mit psychologischer, juristischer, steuerlicher, wirtschaftlicher und innovationsbezogener Perspektive – macht solche Formate besonders wirksam und praxisrelevant.

Welche Impulse möchten Sie Unternehmer*innen mit auf den Weg geben?

Die Tagung soll praxisnahe Handlungsimpulse vermitteln, die zugleich wissenschaftlich fundiert sind. In diesem Jahr liegt der Fokus besonders darauf, Unternehmer*innen dabei zu unterstützen, Nachfolgeprozesse erfolgreich und nachhaltig zu gestalten – klar, kompakt und anwendbar.

Als Innovationsforscher motivieren mich die Herausforderungen, mit denen mittelständische Unternehmen – oft Weltmarktführer in ihren Märkten – durch Digitalisierung und disruptive Veränderungen konfrontiert sind. Als Innovationsforscher interessiert mich, welche Strategien ihnen helfen, diese Entwicklungen nachvollziehbar und erfolgreich zu gestalten.

Wenn Sie einem jungen Nachfolger oder einer Nachfolgerin in einem Familienunternehmen einen Rat mitgeben könnten – welcher wäre das?

Der wichtigste Rat ist, die Balance zu halten: Nicht alles anders machen als die Vorgänger, aber gleichzeitig den Mut haben, strategisch neue Wege zu gehen und wichtige Impulse zu setzen. Diese Gratwanderung zwischen Bewahrung und Erneuerung ist die zentrale Herausforderung für Nachfolger.

Verantwortung weitergeben – mit Haltung und Perspektive

Das Interview mit Prof. Dr. Stephan macht deutlich: Familienunternehmen stehen in Zeiten des Wandels vor großen Aufgaben – aber auch vor großen Chancen. Wer Nachfolgeprozesse bewusst gestaltet, Werte reflektiert und offen für Transformation bleibt, kann Zukunft aktiv formen.

Die Premiere des neuen Forums findet am 10. September 2025 im Forum Volksbank Mittelhessen in Gießen statt.


Anmeldung ist bis zum 3. September 2025 möglich.

Mehr Informationen und das Anmeldeformular finden Sie hier.

Viel Erfolg im September. Und vielen Dank für das Gespräch.

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